An einer Schule in Hamburg lernen schon Vorschulkinder, wie sie bei einer Herzattacke helfen können. Erfahrungen aus Skandinavien belegen: Wenn schon Schüler lebensrettende Hilfsmaßnahmen trainieren, steigt die Überlebenschance für Menschen mit akutem Herzversagen rapide an.

„Florian spielt gern Fußball. Bei einem Spiel auf dem Schulhof knallt er mit vollem Karacho gegen den Torpfosten – und steht nicht wieder auf.“ Das erzählt Julian Tejeda den Schulkindern in der Grundschule Röthmoorweg in Hamburg. „Und wisst ihr was“, fährt er fort, „da standen zehn Erwachsene um den Florian herum – und die haben nur geguckt und nicht geholfen“.

Damit künftig schon Kinder bei einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen tatkräftig helfen können und nicht nur „herumstehen“, hat die BKK VBU zusammen mit dem Verein „Ich kann Leben retten!“ ein Notfalltraining an Schulen initiiert. Jährlich erleiden rund 50.000 Menschen in Deutschland einen Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses. Ihre Überlebenschance hängt wesentlich davon ab, ob ein Augenzeuge schnell lebensrettende Maßnahmen einleitet. Denn bis zur Ankunft eines Rettungswagens dauert es durchschnittlich acht bis 15 Minuten, aber schon nach drei bis vier Minuten erleidet das Gehirn Schäden.

Doch in Deutschland wissen viele Menschen nicht, was in einem solchen Notfall zu tun ist. Oder sie handeln nicht, weil sie denken, sie könnten etwas falsch machen. Anders ist es in den Niederlanden, Schweden oder Norwegen. Dort leiten umstehende Laien bei rund 70 Prozent der betroffenen Menschen mit Herzstillstand Wiederbelebungsmaßnahmen ein. In Deutschland waren es vor fünf Jahren traurige 18 Prozent. Mittlerweile hat sich diese Zahl immerhin auf 34 Prozent fast verdoppelt – und ist doch immer noch viel zu gering.

Immerhin belegt eine aktuelle Studie, dass heute europaweit deutlich mehr Menschen bei einem Herzstillstand eine Wiederbelebung versuchen als zehn Jahre zuvor. Während die Zahl der Herzattacken etwa gleich blieb, nahm die Zahl der Reanimationen um mehr als ein Viertel zu. Allerdings ist die Bereitschaft zu helfen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Deutschland liegt trotz der Steigerung der vergangenen Jahre immer noch im unteren Mittelfeld. Dass in Skandinavien viel mehr Ersthelfer mit der Wiederbelebung beginnen, hängt vor allem damit zusammen, dass dort lebensrettendes Notfallwissen regelmäßig in der Schule vermittelt wird.

In Norwegen zum Beispiel ist Wiederbelebung seit 1961 Bestandteil des Schulunterrichts. Dänemark hat solches Notfall-Training 2005 verpflichtend an den Schulen eingeführt. Schon in den ersten Schuljahren gibt es Kurse über lebensrettende Maßnahmen; Herzdruckmassage bei Herzstillstand lernen die dänischen Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7. Auch wenn bis heute nicht alle Schulen dieses Programm umgesetzt haben, so zeigt der neue Schulstoff doch Wirkung: War im Jahr 2001 nur rund jeder fünfte dänische Patient mit einem Herzstillstand von Laien reanimiert worden, so war es 2010 fast jeder Zweite. Die Zahl der Überlebenden hat sich von 2002 bis 2014 mehr als verdreifacht.

„Wer schon in der Vorschule Informationen zur Lebensrettung bekommt, kann später in der 7. Klasse viel besser mit den Übungen zur Wiederbelebung umgehen“, erklärt Dr. Martin Buchholz, der den Verein „Ich kann Leben retten!“ initiiert hat. Zusammen mit dem Notfalltrainer Frank Risy hat er Schauspielerinnen und Schauspieler für die Schulkurse ausgebildet. „Schauspieler haben zwei Vorteile“, sagt Dr. Buchholz. „Sie können klar und deutlich sprechen. Und es sind Laien.“ Das bedeutet: Sie stellen die Dinge einfach und für jeden verständlich dar.

So wie es der Schauspieler Julian Tejeda mit den 16 Kindern der Vorschulklasse in Hamburg macht: Als Erstes lernen sie zu prüfen, ob ein Bewusstloser ansprechbar ist – kindgemäß sagt Tejeda „Wecken“ dazu. Das Zweite ist, den Krankenwagen zu rufen. Im Chor üben die Kinder die Notrufnummer: „1-1-2-gebührenfrei“. Dann darf Edibe sich auf den Boden legen. Alef soll sie „wecken“. Das kleine Mädchen beugt sich zu ihrer Mitschülerin herunter, ruft ihren Namen und rüttelt an ihren Schultern. Der kleine Lenni bekommt ein Telefon in die Hand und darf üben, den Notruf zu wählen. Julian Tejeda spielt die Notrufzentrale: „Was ist passiert? Welche Straße? Und die Hausnummer?“ Lenni kann auf alles gut antworten.

„Ist Wecken schwierig?“ fragt Tejeda. „Nein“, rufen alle laut. „Und ist Notruf anrufen schwierig?“ Wieder ein lautes Nein. Dann erklärt der Schauspieler den Kindern, wie sie den Kopf des Bewusstlosen nach hinten strecken, damit die Zunge nicht die Luftröhre versperrt. Und dass sie ihn auf Seite drehen sollen, wenn er dann immer noch nicht atmet, damit Spucke und Erbrochenes aus dem Mund laufen können.

Im Jahr 2014 empfahl die deutsche Kultusministerkonferenz die Einführung von Kursen zur Wiederbelebung für Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse. Mecklenburg-Vorpommern hat die Empfehlung schon umgesetzt. Auch Baden-Württemberg schult Lehrerinnen und Lehrer, damit sie flächendeckend Reanimation an den Schulen lehren. Andere Bundesländer stehen noch ganz am Anfang.

An der Schule Röthmoorweg testet Julian Tejeda nun, ob sein Notfall-Training Früchte trägt. „Würdet Ihr etwas tun, wenn einer einfach umkippt?“, fragt er die Kinder. „Ach was, ihr seid doch nur Glotzefrösche und würdet sicher nichts tun“, fährt er fort. Und dann lässt er sich theatralisch fallen und bleibt am Boden liegen. Nach einer Schocksekunde stürmen alle Kinder auf ihn zu. Sie rütteln an seinen Schultern und rufen „Hallo“ und „Julian“. Ein Mädchen schnappt sich das Telefon und wählt 1-1-2. Ein Junge fasst vorsichtig den Kopf des Notfalltrainers und drückt ihn nach hinten – wie gelernt. Einige Kinder rollen ihn dann noch mit vereinten Kräften auf die Seite. Schließlich springt der Schauspieler wieder auf. „Ihr seid ja richtige Retterkinder“, sagt er anerkennend, als alle wieder auf ihren Stühlen sitzen. Nicht wie die Erwachsenen beim bewusstlosen Florian, die nur herumstanden. „Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich versucht zu helfen“, versichert der kleine Yassin. Zum Schluss bekommen alle einen Flyer mit – mit einer Einladung zu einem Kurs für ihre Eltern. Damit auch sie künftig wissen, was im Notfall zu tun ist.


Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: „Jede Sekunde zählt, wenn ein Mensch einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet. Doch viele trauen sich nicht, sofort mit einer Herzdruckmassage zu beginnen. Deshalb ist es entscheidend, dass jedes Kind weiß: Wichtig ist, überhaupt zu handeln! Wiederbelebung ist einfacher als viele denken. Die drei lebensrettenden Schritte sind  ‚Prüfen – Rufen – Drücken‘. Am besten geht das mit Musik, das Lied der Biene Maja hat genau den richtigen Rhythmus. Mit dem „Nationalen Aktionsbündnis Wiederbelebung“ wollen wir das immer wieder ins Bewusstsein rufen.“

(Dieser Artikel wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der BKK-VBU)

Bernd Thobaben

Ich löse Marketingaufgaben – ohne den Bullshit.
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